Homöopathie in der Pferdemedizin

Pferd1 photocaseDie Andalusierstute ist misstrauisch und verspannt, der Konikwallach schlecht gelaunt und in der Rangfolge der Herde das Schlusslicht. Der Trakehner ist freundlich und verschmust, möchte aber am liebsten in seiner Box bleiben. All diese Pferde wurden ihren Tierärzten wegen Husten, Fieber oder Kolik vorgestellt.

In den ausführlichen Fallberichten auf dem Homöopathie-Blog stehen aber das Verhalten und der Charakter der Tiere mindestens ebenso sehr im Vordergrund wie die körperliche Krankheit.

„Als Homöopath muss man immer die Individualität des Pferdes miteinbeziehen, also sein Gemüt, und nicht nur die sogenannten Lokalsymptome beurteilen, das wäre dann beispielsweise der Husten“, erklärt die Tierärztin Ina Luz. Dr. Ina Luz, die eine Praxis in München führt, ist Fachtierärztin für Pferde und hat sich zusätzlich auf Homöopathie spezialisiert.

Bei Headshaking

„Unter meinen Patienten sind viele chronische Fälle, die man schulmedizinisch als ‚austherapiert’ betrachtet – darunter sind zum Beispiel oftmals chronischobstruktive Lungenerkrankungen“, sagt Luz. Daneben gebe es aber auch zahlreiche Pferde mit Krankheiten wie dem Cushing-Syndrom oder Headshaking, für die auch die Schulmedizin noch keine zufriedenstellenden Therapiemethoden kennt. Die Besitzer setzen ihre Hoffnung dann in homöopathische Mittel – jene Substanzen, die der Arzt Samuel Hahnemann einst für den Menschen entdeckte.

Hahnemann fand heraus, dass man durch Einnahme kleiner Mengen bestimmter Stoffe Krankheitssymptome erzeugen konnte, die denen klassischer, bekannter Leiden entsprachen – zum Beispiel verursachte die Chinarinde (Rinde eines südamerikanischen Baumes) Malariasymptome. Eine viel kleinere Dosis solcher Stoffe, schloss Hahnemann, sollte in der Lage sein, Krankheiten zu heilen (Gleichheitsprinzip oder „SimileRegel“).
Um Stoffe in sehr geringer Dosierung anwenden zu können, entwickelte Hahnemann das sogenannte Potenzierungsverfahren. Wird die Arznei im Verhältnis 1 : 10 verdünnt, spricht man von Dezimalpotenzen (DPotenzen), wird sie 1 : 100 verdünnt, ist die Rede von Centesimalpotenzen (CPotenzen).

Die so entstehenden homöopathischen Arzneimittel gibt es als alkoholische Dilution, also Tropfen, als Pulver oder Tabletten, also verdünnt mit Milchpulver, oder als Globuli, darunter versteht man Zuckerkügelchen, die mit der entsprechenden Potenz des Mittels besprüht wurden.

In der Kritik
Bei akuten Erkrankungen wählt man eher tiefe Potenzen, bei chronischen Erkrankungen her höhere Potenzen. Umstritten ist die Homöopathie noch immer, weil in hochverdünnten Lösungen kein Molekül der ursprünglichen Wirksubstanz mehr nachweisbar ist. Warum Homöopathika trotzdem wirken, wird mit unterschiedlichen Theorien erklärt, die die Kritiker aber weiterhin skeptisch stimmen. Allerdings ist der Einsatz von homöopathischen Heilmitteln in der Tiermedizin in zahlreichen Studien hinterfragt worden. Schon zu Lebzeiten Samuel Hahnemanns hatte man damit begonnen, die Homöopathie auf Tiere zu übertragen.
In verschiedenen Untersuchungen der jüngsten Vergangenheit zeigte sich, dass Homöopathikagabe bei unterschiedlichen Tierarten und verschiedenen Störungsbildern von der Euterentzündung bis zur Schwergeburt deutliche Verbesserungen erreichen kann.

Und es funktioniert doch
So bewies zum Beispiel eine Langzeitstudie der CarstensStiftung, einer Fördergemeinschaft zur wissenschaftlichen Hinterfragung von Naturmedizin, dass durch die Behandlung mit Homöopathika der Einsatz von Antibiotika in Schweinezuchtbetrieben von 70 Prozent auf 26 Prozent gesenkt werden konnte.

Wenn die Münchner Tierärztin Ina Luz das richtige homöopathische Mittel für ein erkranktes Pferd sucht, dauert die Befunderhebung etwa anderthalb bis zwei Stunden, da die Individualität des Tieres bei der Auswahl der Substanz eine zentrale Rolle spielt. „Wie verträgt es Hitze und Kälte, zu welcher Tageszeit fühlt es sich besonders wohl?“ nennt Luz beispielhaft Fragen, die dabei geklärt werden müssen. „Wir suchen das, was vom ‚normalen’ Krankheitsbild abweicht“, erklärt Luz. Nur so kann der einzelne Patient individuell passend therapiert werden.

Bei akuten Fällen
Nicht nur in chronischen, auch in akuten Fällen, zum Beispiel bei fieberhaften Erkrankungen, verwendet Ina Luz Homöopathika – „allerdings immer mit dem Hintergrund, dass die Ursache genau abgeklärt werden muss.“ Luz hat dabei auch die Grenzen der Homöopathie im Blick: Bei Knochenbrüchen oder einer akuten Kolik mit Darmverschlingung sei eben in der Regel ein chirurgischer Eingriff nötig. „Eine Grenze stellt auch die Lebenskraft des Patienten an sich dar“, sagt Luz. Denn Homöopathie aktiviere und unterstütze die Selbstheilungskräfte des Patienten. Zum Beispiel bei sehr alten Patienten sind diese Kräfte aber unter Umständen einfach erschöpft.

Es gibt zwar besonders beliebte Mittel, die gerade in der Pferdepraxis oft eingesetzt werden. In der Literatur wird beispielsweise Bryonia cretica, die Zaunrübe, bei Lahmheiten, vor allem Hufrollenveränderungen, immer wieder genannt. Tierärztin Ina Luz zögert aber, konkrete Beispiele zu nennen, denn jeder Patient ist anders und erfordert eine exakte Anamnese, bevor ein geeignetes Mittel gefunden werden kann.

Autorin Christina Hucklenbroich, Tierärztin und Journalistin

Quelle: Pegasus – freizeit im sattel –
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Ulrike Bletzer, Pegasus Verlag AG
Bilder: pixelio, photocase, fuwft.de
Schlagworte: Pferdeheilkunde, Homöopathie, Klassische Homöopathie, Veterinärhomöopathie, Komplementärmedizin